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Jean Xavier Lefèvre (1763-1829

12 Sonaten


Umfang: 4 Bände
Besetzung: Kl, Basso
Bearbeitung: Bernhard Kösling
Herausgeber: Musikverlag Hans Jürgen Eckmeier
Schwierigkeit: Mittelstufe

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Es ist schon erstaunlich, dass es bisher noch keine Gesamtausgabe der „12 progressiven Sonaten“ gibt, geschweige denn ein Edition, die sich an der Originalausgabe orientiert – man hat den Eindruck, dass diese fruchtbare Musik heute offensichtlich unterschätzt wird.
Allerdings muss man bedenken, dass die bisher veröffentlichten Ausgaben (Klarinette mit Klavier oder Harfe) durchgängig Bearbeitungen bzw. praktische Spielausarbeitung sind, denn die Bass-Stimme ist im Original als Einzelstimme in B geschrieben und nicht einmal beziffert. Leider weichen darüber hinaus einige Ausgaben erheblich vom Original ab, so wurden Pausen hinzugefügt oder nicht genannte Sprünge eingebaut, der nicht informierte Spieler hat keine Möglichkeit zu unterscheiden was Original und Bearbeitung ist.
Ferner folgen die 12 Sonaten natürlich einer Intention: Spieldauer, Schwierigkeitsgrad, Tonartenkomplexität und vermehrte Verwendung der hohe Lage sind von leicht bis schwer gestaffelt, dies ist kein methodischer Zufall. So sind die ersten Sonaten selbstverständlich kurz und eher leicht, die letzten aber genauso selbstverständlich lang, anstrengend und eher schwierig, warum sollte man diese Vorgehensweise ändern?
Durch ihre breit gestaffelten Schwierigkeiten sind die Sonaten von J.X. Lefèvre das ideale Bindeglied zwischen der so genannten einfachen Anfängerliteratur und den ganz großen Konzerten, für Musiker wie als Pädagogen sollten sie unverzichtbar werden. Der zeitlose Wert dieser Werke liegt nicht in der kurzfristigen Laune eines Modetrends, sondern er basiert auf einer soliden handwerklichen Ausbildung.
Der vorliegende Notentext orientiert sich streng an dem Erstdruck der Klarinettenschule von 1802,scheinbar nahe Liegendes – uneinheitliche Artikulation o.Ä.- wurde nicht verbessert, lediglich die Notation wurde der heutigen Art und Weise angepasst. Zum besseren Verständnis wurden nach heutigen Notationsregeln fehlende Vorzeichen in Klammern geschrieben.
Jean-Xavier Lefèvre, geboren am 6.3.1763 in Lausanne, ging bereits im Alter von 14 Jahren nach Paris um bei dem zurzeit berühmtesten Klarinettisten Unterricht zu nehmen: Michel Yost.1778 kam er zum Musikkorps der Nationalgarde ,1783 wird er erstmals als Solist erwähnt. Von 1791 bis 1817 spielte er im Orchester der Pariser Oper, ab 1798 an der Position des Soloklarinettisten. Als 1795 das „Conservatoire National de Musique“ gegründet wurde, war es natürlich Lefèvre, der zum Professor berufen und gleichzeitig beauftragt wurde, ein umfassendes Schulwerk für Klarinette zu schreiben. Am 9.11.1829 starb er in der Nähe von Paris.

Er unterrichtete an jenem neu gegründeten Konservatorium in Paris bis 1824 und schrieb unzählige Kammermusikwerke, Konzertante Symphonien und preisgekrönte Solokonzerte. Er ergänzte die zu Beginn seiner Laufbahn allgemein übliche 5-Klappige Klarinette mit einer neuen cis’/gis’’-Klappe , auf diesem Instrument spielte er zeitlebens, obwohl er von dem instrumentalen Fortschritt auch in Frankreich eigentlich überrollt wurde, allen voran sei hier der übrigens nicht verwandte Francois Lefèvre genannt, aber auch Iwan Müllers Weiterentwicklungen hat er nicht übernommen. Daneben schrieb er auch zahlreiche Werke für Blasorchester, die ganz unter dem Zeichen der französischen Revolution stehen, wie die Abkehr vom höfischen Dünkel und die Möglichkeit für jedermann ein Instrument zu erlernen, damals ein neuer Gedanke.

Die 12 Sonaten stehen in Lefèvres „Méthode de Clarinette“ von 1802 in genau der Form wie sie hier vorliegen: Melodiestimme ist die Klarinette in B, die Bass-Stimme steht auch in B und ist nicht beziffert. Vermeintliche Fehler wie uneinheitliche Artikulationen o.Ä. wurden nicht angeglichen sondern vom Erstdruck übernommen. Lediglich die Art und Weise der Notation wurde modernisiert, nach heutigen Notationsregeln fehlende Vorzeichen wurden über den Noten geschrieben.

Im Jahre XI der „neuen“ Zeitrechnung vollendete J.X.Lefévre sein für uns wohl bedeutendstes Werk, die umfassende „Méthode de Clarinette“, bereits 2 Jahre später lag sie im Druck vor. Die „Méthode de Clarinette“ ist letztendlich ein Produkt des revolutionären Frankreich und dessen Prinzipien: Die Forderung nach freiem Unterricht für jedermann, die musikalische Ausbildung ohne Einflussnahme der Kirche, die Vorbereitung der Studenten auf ein selbstständiges Leben – dies alles natürlich einschließlich einer guten Portion Patriotismus vor den Augen.

Der Bedarf an neuer Musik mit durchaus methodischem Beigeschmack war in den Jahren um jene Jahrhundertwende kaum zu decken: 19 Lehrer unterrichteten zeitgleich am Conservatoire Klarinette, davon alleine 12 ausschließlich zur Ausbildung der angehenden Militärmusiker- durch die hier anfallende „natürliche“ Fluktuation war ein Überangebot an Musikern praktisch ausgeschlossen.

Bereits 1755 wurde die Klarinette per Dekret in die französische Militärmusik integriert und ersetzte nach und nach die Oboe und die noch immer vorhandenen Schalmeien. In der Nationalgarde gab es ein eigenes Lehrprogramm auf offenbar sehr hohem Niveau mit namhaften Lehrern wie F.Blasius oder A.Vanderhagen, die ihre Literatur selber zu schreiben hatten.

Bis 1815 wurde in den Militärkapellen und -Orchestern C und F-Klarinetten gespielt, danach erst wurden B und Es-Klarinetten eingeführt. Wahrscheinlich ist dies der Grund für die häufige Verwendung der C-Klarinetten bei sehr vielen gedruckten Werken aus dieser Zeit in Frankreich.

Lefèvre schrieb seine 12 progressiven Sonaten ausdrücklich für B-Klarinette, sie stellen so eine klare Abgrenzung zur militärischen Massenproduktion dar. Für die Bass-Stimme gibt er die klare Anweisung: Wenn hier C-Instrumente eingesetzt werden, haben diese zu transponieren. Das lässt einen großen Spielraum offen was die verschieden Instrumentationsmöglichkeiten betrifft, denkbar sind Duobesetzungen mit einem Bassinstrument (Bassklarinette, Fagott o.Ä.), oder aber mit einem Tasteninstrument (zum Spielen aus diesen Noten muss der Spieler des Generalbasses mächtig sein – oder auf vorhandene entsprechend bearbeitete Versionen zurückgreifen). Sogar die Ausführung als Triosonate liegt auf der Hand.

Wurde bei dem Inhalt des Notentextes auf Originaltreue geachtet, so wurde die Notationsweise vorsichtig der heutigen Art angepasst: Balkenkreuzungen wurden aufgehoben, Takt- und Metrumübergreifende Punktierungen wurden durch Überbindungen ersetzt, nach modernen Notationsregeln fehlende Vorzeichen -bei Oktavsprüngen o.Ä.- wurden über den betreffenden Noten stehend ergänzt. Zur Erklärung der Notation im ausgehenden 18.Jhd. sei an dieser Stelle auf D.G.Türks Klavierschule von 1789 hingewiesen. Die unterschiedlichen Trillerarten (Mordent, „tr“, Doppelschlag, das barocke „+“) wurden beibehalten, die Artikulation und Phrasierung wurde, auch wenn es manchmal nahe liegend zu sein scheint, nicht ergänzt. Zur Deutung und Art der Ausführung möchte ich an dieser Stelle dringlich auf die wichtigen Standartwerke von L. Mozart und J. Quantz verweisen, die in keinem Musikerhaushalt fehlen sollten.

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Details :
  • Author : Matthias Ramsch
  • Category :
  • Date : 30. Oktober 2017